04.01.2018
Interview über die Auswahl von Bewerbern, die Rolle des Schülerstipendiums und die Kultur des Ausbildens – mit Herrn Ronny Unganz, Geschäftsführender Direktor der Staatsoper Unter den Linden und Herrn Liesemann, Auszubildender im ersten Lehrjahr.

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Zum siebtem Mal in Folge lobt der Wirtschaftskreis Berlin-Pankow e. V. ein Schülerstipendium aus, welches eine Säule des Projektes „Wirtschaft und Schule – gemeinsam für mehr Praxisnähe“ darstellt und als Kooperation mit der Heinz-Brandt-Schule in Berlin-Weißensee 2010 gestartet wurde.

Mit dem Stipendium werden Schüler/-innen belohnt, die über das Normalmaß hinaus schulische oder gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und damit Eigenschaften an den Tag legen, auf die Unternehmer Wert legen: Teamgeist und Teamfähigkeit, Eigeninitiative und Verantwortungsbewusstsein, Leistungsbereitschaft und Fleiß. Der Nutzen: Schüler- und Lehrerschaft entwickeln Realitätssinn für die Ansprüche der Wirtschaft und bauen ihre Berührungsängste ab. Unternehmer wiederum profitieren, indem sie potenzielle Azubis bereits im Vorfeld kennenlernen und ihren Beitrag zu einem praxisbezogenen Unterricht leisten. Darüber hinaus ist die Urkunde, die die Stipendiaten erhalten, ein sichtbarer Beweis, der im Bewerbungsprozess Eindruck macht.

 

Wie viele Auszubildende beschäftigt die Staatsoper Unter den Linden und in welchen Berufen bildet sie aus?
Ronny Unganz: Dazu muss ich etwas ausholen. Bis zum Jahr 2004 gehörten die Werkstätten mit Tischlerei, Schneiderei etc. direkt zur Staatsoper und in diesen Bereichen wurde auch intensiv ausgebildet. In den folgenden Jahren der Umstrukturierung und des massiven Sparens – die Staatsoper ist eine öffentlich geförderte Kultureinrichtung – wurde die kostenintensive Ausbildung zunächst zurück gefahren, jedoch seit 2009 wieder belebt.
Aktuell werden in den Bereichen Veranstaltungstechnik, Maske und Verwaltung zukünftige Veranstaltungstechniker/-innen, Maskenbildern/-innen und Kaufmänner und Kauffrauen für Büromanagement praktisch begleitet.
Für mich ist Ausbildung auch ein Stück soziale Verantwortung, gerade als öffentlich gefördertes Unternehmen. Deshalb bieten wir jedes Jahr drei Ausbildungsplätze „Veranstaltungstechnik” und einen Ausbildungsplatz „Maske” an. Alle drei Jahre kommt ein Ausbildungsplatz für Büromanagement hinzu.

 Wie viele Schüler/-innen bzw. Personen bewerben sich i.d.R.?
Ronny Unganz: Für den Ausbildungsplatz „Büromanagement” waren es 74 Bewerbungen, die beim zentralen Personalservice der Stiftung Oper in Berlin eintrafen. Herr Liesemann war von Anfang an in der engeren Auswahl und hat am Ende dann alle anderen ausgestochen.

 Was ist für Sie ausschlaggebend, wenn Sie sich zwischen jungen Bewerberinnen und Bewerbern entscheiden müssen?
Ronny Unganz: Der Mensch muss zu uns passen. Wir haben hier ein Traditionsunternehmen - die Staatsoper ist 275 Jahre alt - und wir haben eine familiäre Situation: Wir schaffen das alles, weil wir an einem Strang ziehen. Ganz entscheidend ist die Persönlichkeit, erkennbare Stringenz auf dem bisherigen Weg, spürbare und echte Motivation, hier reinwachsen zu wollen ...

 Wie war das bei Pascal Liesemann?
Ronny Unganz: … und da hat Herr Liesemann den Eindruck gemacht (lacht), dass er dazu in der Lage ist.
Am Ende hat klar dazu beigetragen, quasi als Pluspunkt, dass eine andere Stelle per Stipendium genau das eingeschätzt hat: Engagement, Wille und Fähigkeit. Außerdem ist es ziemlich ungewöhnlich, dass jemand, der 16 Jahre alt ist, ein Stipendium bekommt. Stipendien sind ja eher studienbezogen und nicht schulbezogen. Und das ist dann schon außergewöhnlich und sticht aus den Bewerbungen heraus. So, dass man auf diese gern noch ein zweites Mal schaut.

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Wie kamen Sie auf bzw. an die Staatsoper als Ausbildungsbetrieb? Was war ausschlaggebend?
Pascal Liesemann: Ich hatte bereits im Oktober 2015 begonnen, Bewerbungen zu schreiben. Insgesamt waren es zirka 70. Relativ spät und nach mindesten 40 Ablehnungen bekam ich die Ausschreibung der Stiftung Oper in Berlin über Frau Hildebrandt von der Jugendberufsagentur (haben wir auch in der Schule sitzen). Wir beide dachten, dass passt zu mir und ich habe mich beworben. Außerdem gab es keine Onlinetests, wie bei vielen anderen Unternehmen.
Dann ging es sehr schnell. Nach einem Anruf hatte ich am nächsten Tag – es war Dienstag, der 29.08. – das Vorstellungsgespräch. Am Donnerstag rief mich Herr Unganz persönlich an und Montag ging's los.
Jedoch habe ich vorher sehr gezweifelt, ob das was wird. Nach 40 Ablehnungen ist man verzweifelt.

 Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem praktischen Umfeld?
Pascal Liesemann: Ich habe es hier richtig gut. Die Leute sind freundlich. Ich hatte vor zwei Tagen Muffins mitgebracht, weil ich Geburtstag hatte, und da kam jetzt eine Kollegin zu mir und hat mir Blumen mitgebracht. Auch wünschten sich alle eine gute Spielzeit und grüßen sich untereinander. Das ist doch ein richtig freundliches Unternehmen und wenn das so weitergeht ist das super. Außerdem spricht es meine soziale Art an: man sollte sich untereinander helfen. Und die Hilfe bekomme ich. Das scheint in anderen Betrieben nicht so zu sein, wie ich aus meiner Berufsschulklasse weiß.

Wohin soll später einmal die berufliche Reise gehen?
Pascal Liesemann: Ich bin zwar ein Mensch, der gerne plant, aber so weit vorausschauen, kann man nicht. Wenn ich meine Ausbildung hier erfolgreich beende, würde ich tatsächlich gerne hier bleiben.
Ich sitze zwar im Büro, habe aber die Möglichkeit, zum Beispiel Generalproben mit anzuschauen um zu sehen, wofür man überhaupt arbeitet. Ich kann über meinen Tisch hinaus in dem Betrieb sein.

Was können Sie den Schulkameraden an der Heinz-Brandt-Schule als Tipp oder Erfahrung mitgeben?
Pascal Liesemann: Mein erster Tipp: Nicht verzweifeln! Mein zweiter Tipp: Bleiben wie man ist, vor allem im Bewerbungsgespräch. Drittens: Offen und hilfsbereit sein. Auch mal gern Positives reflektieren und ansprechen und nicht nur sagen, was einem nicht gefällt.

Was wollen Sie den Lesern gern noch mitgeben zu Thema Ausbildung?
Ronny Unganz: Wir pflegen eine offene Kommunikations- und Arbeitskultur. Nur wenn ich weiß, wofür ich arbeitet, wenn ich das andere Ende kenne und die Menschen im Prozess, dann begreife ich, was ich hier tue und wie ich es tue.
Verwaltung muss verstehen, was da drüben im Spielbetrieb läuft, was das Bedürfnis eines Tänzers oder Bühnenbildners ist. Der Austausch ist wichtig und ich versuche da, die Freiheit im Ablauf zu geben, damit die Auszubildenden hier mehr als ihren Schreibtisch kennenlernen. Die Lernkurve bei uns ist praktischer Natur: Wie funktionieren Ausschreibungen, wie sieht eine Anlieferungssituation aus, wie wird die Ware im Haus verteilt etc.
Und die Arbeit muss Spaß machen. Man muss sich bewusst sein, dass man das hier machen darf – auch ich als Geschäftsführer. Wenn der Vorhang hoch geht … das ist einfach toll!

Herr Unganz, Herr Liesemann, wir danken für das Gespräch.

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Interview: Jana Siedentopf, Wirtschaftskreis Berlin-Pankow e. V.
Fotos: Swen Gottschall, Wirtschaftskreis Berlin-Pankow e. V.
04.01.2018

 

Pascal Liesemann ist 17 Jahre alt und ehemaliger Schüler der Heinz-Brandt-Schule in Berlin-Weißensee. Er wurde zweimal von Mitschüler/-innen für Stipendien-Auswahltag nominiert und errang iim Schuljahr 2015/2016 sowie im Schuljahr 2016/2017 das vom Wirtschaftskreis Berlin-Pankow e. V. ausgelobte Stipendium. Seinen mittleren Schulabschluss erlangte er im Sommer 2017.
Seit September nimmt er die Berufsausbildung zum Kaufmann für Büromanagement wahr. Herr Liesemann ist Jüngster in der Ausbildungsklasse und verbringt pro Woche drei Tage an der Staatsoper Unter den Linden, zur Zeit im Bereich der Geschäftsführung.

Ronny Unganz ist 43 Jahre alt und seit 2008 Geschäftsführender Direktor der Staatsoper Unter den Linden. Er kennt alle Zusammenhänge in der Staatsoper, da er bereits 2000 hier seine Karriere als Assistent der Geschäftsführung begann. Als Haushaltsbeauftragter ist er zuständig für sämtlich betriebswirtschaftlichen Belange der Oper. Außerdem ist er Beiratsmitglied der GVL (Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten), Vorstandmitglied der Orchesterakademie bei der Staatskapelle Berlin e. V. sowie Mitglied in der Carl Heinrich von Heineken Gesellschaft e. V..

 

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